Häufige Fragen bei ADHS

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  • Bekommt Ihr Kind oft nichts mit, ist es mit den Augen dauernd woanders, springt von einer Sache zur andern und vergisst darüber Aufträge?
  • Handelt es oft impulsiv und unvorhersehbar?
  • Stört es damit häufig andere?
  • Oder kann es sich nur nicht konzentrieren?
  • Versteht es Sie und Andere oft nicht?
  • Dauern die Hausaufgaben ewig und werden ständig unterbrochen?
  • Bekommt Ihr Kind in der Schule die Sachen nicht so hin, wie Sie es von ihm von zu Hause kennen?

Wenn Sie dies bei Ihrem Kind gehäuft beobachten, muss das nicht Unwille des Kindes sein, sondern es kann die gut behandelbare Störung ADHS dahinter stehen. Die hier unterlegten Fragebögen für Kinder und Jugendliche oder für Erwachsene können einen ersten Anhaltspunkt dafür liefern, ob ein Kind, Jugendlicher oder Erwachsener von ADHS beeinträchtigt sind.

ADHS ist eine Regulationsstörung des Verhaltens. Viele Handlungen erfolgen vorschnell, viele Reaktionen sind zu heftig, vieles wird mit zu viel Kraft und Anstrengung gemacht, oft ist der/die Betroffene schon beim nächsten Schritt, obwohl der letzte noch nicht fertig ist. Vieles, was gesagt wird, wird vom Betroffenen nicht mitbekommen, auch Gefühlssignale der anderen Menschen können übersehen werden und werden deshalb auch nicht richtig verstanden, obwohl das der betroffene Mensch gar nicht so will. Manchmal sind diese Merkmale der ADHS so stark wie eine Maske ausgeprägt, dass sie die dahinter stehende Persönlichkeit verbergen und nur das störende Verhalten im Vordergrund steht.

Weder der Betroffene, noch seine Familie und Umgebung sind schuld an ADHS, können aber günstig oder ungünstig auf die Entwicklung des Menschen einwirken. Bei ADHS liegt eine Störung des limitierten Kapazitätskontrollsystems (LCCS) oder Aufmerksamkeitssteuerungssytems des Gehirns vor (Birbaumer 1994). Dieses System regelt, wieviel Verarbeitungskapazität für welche einkommende Information zur Verfügung gestellt wird, und es regelt auch, welcher von hunderten vom Gehirn ständig produzierten Handlungsentwürfen verwirklicht wird.

Wenn das System gut funktioniert, verhalten wir uns automatisch angemessen, bekommen das für uns Wichtige mit und nehmen die Menschen feinfühlig wahr. Unsere Handlungen sind genau mit unseren Zielen und Gefühlen abgestimmt.

Beispiel für gute Regulierung: Ich schaue den mir wichtigen Gesprächspartner an, signalisiere ihm zeitgerecht mit einem in der Stärke passenden Lächeln, dass er mir wichtig ist, und gebe eine Antwort in der Lautstärke und Tonfärbung ab, wie es zu meinen Zielen passt.

Beispiel für schlechte Regulierung: Ich schaue während des Gesprächs zu verschiedenen Punkten und stoße so meinen Gesprächspartner dadurch vor den Kopf. Ich rede viel zu heftig und zu schnell.

Es ist die große Leistung der Psychologie und Medizin des 20. Jahrhunderts, sich von den nicht überprüfbaren Lehren der Anfangszeit gelöst zu haben und die Störung dadurch zu definieren, das nur beschrieben wird, was auffällt und betroffene Menschen von nicht Betroffenen unterscheidet.

Dadurch wurde der Zusammenhang zwischen Unaufmerksamkeit und dem störenden hyperaktiven Verhalten begriffen. Leider hat das im deutschen Sprachraum erst spät Einzug gehalten. So spricht die Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dem Klassifikationssystem ICD 10 immer noch vom „Hyperkinetischen Syndrom“, obwohl nur bei einer Minderheit der betroffenen Patienten Hyperaktivität im Vordergrund steht. Die „Träumerchen“ wurden jahrelang übersehen und erhielten keine Hilfe, es gibt sie unter Jungen wie unter Mädchen. In den USA wurde dem in den 1980er Jahren mit der DSM-IIIR-Klassifikation und später der DSM-IV- Klassifikation (alle diese Merkmale enthält der Fragebogen nach DSM-IV) Rechnung getragen und deshalb von einer Störung mit vorwiegend Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität gesprochen.

In der Wirklichkeit sind bei allen betroffenen Patienten alle diese Bereiche, aber in unterschiedlichem Ausmaß, gestört, so dass sich für jeden Einzelfall ein buntes Bild ergibt. Dies zu erkennen und zu verstehen, ist Aufgabe des behandelnden Arztes.

Funktionell ist der Zugriff auf die Selbststeuerungsfähigkeit des Menschen bei ADHS immer wieder unterbrochen, so dass er oft und vieles nicht so hinbekommt, wie er es will, und vieles nicht mitbekommt, gerade Gelerntes nur mit Lücken und deshalb nicht richtig nutzbar abspeichert oder das Gelernte ganz unter den Tisch fällt.

Wir können deshalb die Regulationsstörung in eine Störung des Zugriffs auf die eigenen Fähigkeiten übersetzen. Der gestörte Zugriff hat alle die Folgen, die unter Punkt 2 beschrieben wurden.

Beispiel: Sie haben ein Regal voller wichtiger Bücher. Die Bücher sollen ein Gleichnis sein für ihre verschiedenen (mathematischen, musischen, künstlerischen, sprachlichen…) Fähigkeiten. Weil ihr Arm zu kurz ist, kommen Sie jedoch immer wieder nicht an ein Buch dran, wenn sie es brauchen. Was könnte Ihnen helfen? Ein Instrument, was Ihren Arm verlängert, dann könnten sie immer dran, wenn sie es brauchen. Bei ADHS kann ein solches Instrument ein Medikament sein, wenn es richtig dosiert ist. Auch mit Neurofeedbacktraining erscheint dies teilweise erreichbar zu sein.

Mit den neuen neurophysiologischen und bildgebenden Verfahren und der Durchführung prospektiver kontrollierter Studien seit den 1980er Jahren ist heute Vieles geklärt, worüber außerhalb der wissenschaftlichen Welt immer noch heftig und emotionell gestritten wird. Ihnen und Ihrem Kind soll das Wissen deshalb aber nicht vorenthalten werden, sondern für Sie nutzbar gemacht werden. Viele Vorurteile, Ängste und Befürchtungen gerade zur medikamentösen Behandlung werden durch die Fakten zerstreut.

Im Einzelnen: Dass bei ADHS ein funktioneller Mangel an Überträgersubstanz oder Botenstoff Dopamin zur Signalübertragung zwischen den Nervenzellen des Aufmerksamkeitssteuerungssystems fehlt, wurde mit vielen Studien gesichert. Hauptverantwortlich dafür ist ein Überschuss am Dopaminrücktransporter DAT1. DAT1 ist erhöht bei bestimmten genetischen Varianten und auch nach durch Verletzung bedingtem Wegfall hemmender Einflüsse. Darüber hinaus gibt es bei ADHS noch weitere messbare genetische Veränderungen, so auch an den Empfängerstellen des Botenstoffs, den Rezeptoren.

Medikamente wie Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetaminsalze) blockieren den DAT1 vorübergehend direkt. Medikamente wie Atomoxetin wirken indirekt über eine Erhöhung von Noradrenalin, bewirken aber im Endeffekt auch eine bessere Bereitstellung von Dopamin als Botenstoff für die Signalübertragung im Aufmerksamkeitssteuerungssystem. Guanfacin verbessert die Hemmung störender Impulse.

Abbildungen, die diese Zusammenhänge erklären, können Sie in diesem pdf anschauen und herunterladen:
ADHS-Warum es auf die richtige Dosis ankommt wenn man Chancen von Medikamenten voll nutzen will.

Hier finden Sie Informationen über Wirkungen, Nebenwirkungen und die Sicherheit der Behandlung mit Medikamenten bei ADHS.

Die große Hoffnung und Verantwortung bei der Behandlung von Kindern mit ADHS ist, dass wir in einer Phase einsetzen, in der sich die Persönlichkeit entwickelt. Ob jemand mit sich selbst immer schlechte Erfahrungen macht oder spürt, dass er das hinbekommt, was er möchte, macht für das ganze spätere Leben Tag für Tag einen gewichtigen Unterschied. Es entscheidet darüber, ob er zuversichtlich sein kann oder immer Misserfolg erwartet, sich „für blöd“ hält. Wir möchten Ihnen ermöglichen, Ihrem Kind rechtzeitig die Chance einer positiven Entwicklung zu geben, auch wenn es von ADHS betroffen ist.

Rechtzeitig bedeutet in der Regel vor der Pubertät. Zuversicht wieder zu entwickeln, wenn sie verkümmert ist, ist viel schwieriger, als sie zu erhalten. Der Lebensabschnitt Schule sollte mindestens einen Teil der Freude erlebbar machen, mit dem die Kinder in den ersten Schultag starten. Die kontinuierliche und präzise dosierte Behandlung mit Medikamenten über die kritischen Jahre dieser Selbsterfahrung eröffnet diesen Weg.

Änderungen ungünstiger Angewohnheiten können durch die videounterstützte Verhaltenstherapie (siehe „Unser Vorgehen“) in überschaubarer Zeit bewirkt werden. Biofeedback und Neurofeedback können nachhaltige, weil automatisierte Verbesserungen der Verhaltenssteuerung bewirken.

Damit eröffnen sich viele Chancen, den einzelnen so zu fördern, dass er den Anforderungen einer ganz normalen Schul- und Ausbildungsumgebung gewachsen ist und mit sich selbst gute Erfahrungen macht. Das ist die Grundlage für ein realistisches Selbstvertrauen, und dieses schafft Zuversicht in die eigene Problemlöse- und Leistungsfähigkeit. Damit kann aus jedem das werden, was in ihm steckt.

Wenn die Persönlichkeitsentwicklung erst einmal so geprägt ist, kann später oft auf Hilfen und auch auf Medikamente verzichtet werden.

Wenn die Lernsituation so umgestaltet wird, dass bei kindgerechter Aufgabenschwierigkeit wieder erlebt werden kann, dass Ihr Kind sich Mühe gibt, kann die Motivation gestärkt werden. Dies ist meist der erste Schritt in der Verhaltenstherapie.

Oft haben Kinder und Jugendliche Vermeidungsstrategien entwickelt, um belastende Situationen zu umgehen. Sie diskutieren, werden aggressiv oder weinerlich oder machen Ihre Eltern hilflos. Der dadurch für das Kind bewirkte Machtgewinn erhält dieses Verhalten aufrecht, auch wenn die Auslöser schon weggefallen sind. Durch Änderungen in Ihrem Verhalten als Eltern können Sie diese Belohnungen entziehen und wieder für eine gute Beziehung einsetzen. Dies ist der zweite und wichtigste Schritt, die Wirkung können sie dann am Video mitverfolgen.

Das Durchhalten ist dadurch für Ihr Kind und Sie aber oft nicht leichter geworden, denn der funktionelle Botenstoffmangel, der der ADHS zu Grunde liegt, besteht ja fort. Manche Kinder und Jugendliche können über die Verbesserung der Aktivierung des Gehirns durch Neurofeedbacktraining ein besseres Durchhalten und zu Ende führen von Aufgaben hinbekommen.

Für mehr als 90% aller Kinder und Jugendlichen bieten richtig dosierte Medikamente die Chance, den funktionellen Botenstoffmangel im Gehirn vorübergehend außer Kraft zu setzen und während der Wirkdauer des Medikamentes in vollem Zugriff auf ihre Fähigkeiten zu lernen und damit bessere Erfahrungen mit Sich selbst zu machen. Wenn das immer wieder erfolgt, steigt das Selbstbewusstsein. Auch der Umgang mit anderen Menschen ist währenddessen viel angemessener, so dass die anderen Menschen Ihr Kind nicht mehr nur als Störenfried oder Träumerchen wahrnehmen und damit Vorurteile abgebaut werden können.

Wie Sie aus den Abbildungen zu Punkt 6 ersehen können, ist die Voraussetzung dafür, dass Ihr Kind sich unter medikamentöser Behandlung wohl fühlt und es die Medikation richtig für sich nutzen kann, die richtige Dosierung.

Die richtige Medikamentendosis bei ADHS sicher bestimmen, wie das geht, können Sie lesen, indem Sie auf die markierte Schrift klicken.

Derzeit überprüfen wir im Rahmen einer Studie mit Unterstützung des Fonds für Forschungsförderung der AG-ADHS der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland e.V. Langzeitwirkung und Lebensqualität bei einer solchen genauen Medikamenteneinstellung.

Die Umgestaltung der Lernsituation und von alltäglichen Vorgängen zu Hause mit Hilfe der Verhaltenstherapie kann die Beziehung zwischen Familienmitgliedern wieder verbessern, wenn sie belastetet war, und wieder Motivation zum Lernen wecken.

Mit der genau dosierten medikamentösen Behandlung wird der kontinuierliche Zugriff auf die eigenen Fähigkeiten vorübergehend wieder hergestellt, und es kann unter dieser Bedingung erfolgreich gelernt werden, Klassenarbeiten können bewältigt werden und vor allem das Miteinander in der Familie kann ohne unnötige Unruhe, Provokation und Aufbrausen von allen als schön erlebt werden, soweit nicht störendes Verhalten durch Machtgewinn belohnt wird. Ob und wann dies der Fall ist, kann die videounterstützte Verhaltensbeobachtung genau aufzeigen. Deshalb gehören Verhaltenstherapie und Medikation am besten zusammen.

Wenn über einige Jahre neue Verhaltensweisen und Strategien erworben und automatisiert wurden, dann kann ihr Gebrauch später auch ohne Medikamente gelingen, so dass die medikamentöse Behandlung beendet werden kann.

Meist ist die Medikation über die Dauer der Schulzeit günstig, die Pubertät steht der Medikation nicht im Wege, sondern Medikation erleichtert gerade in dieser Zeit, dass es nicht zum Herausfallen aus dem sozialen und dem Bildungszusammenhang kommt.

Wie in den Ergebnissen der internationalen Studien so konnte auch ich nach mehr als 15 Jahren, in denen wir (unser ADHS-Team) nach „Unserem Vorgehen“ arbeiten, mittlerweile Zeuge von vielen erfolgreichen Lebenswegen und Schulschlüssen von Patienten werden, deren Lebensweg zuvor von großen bis größten Problemen belastet war.

ADHS zeigt sich bei einer Untergruppe von Patienten schon im Säuglingsalter (schwer beruhigbar, schlechtes Schlafen, Vermeiden von Körperkontakt…) in Form einer frühkindlichen Regulationsstörung.

Meist wird die gestörte Regulation im Kindergartenalter deutlich. Reichen verhaltenstherapeutische Maßnahmen nicht aus, ist auch in diesem Alter die richtig dosierte Medikation eine Chance, zu der es mittlerweile auch gute wissenschaftliche Untersuchungen gibt (J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2013 Mar;52(3):264-278. The Preschool Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Treatment Study (PATS) 6-year follow-up. Riddle MA1, Yershova K, Lazzaretto D, Paykina N, Yenokyan G, Greenhill L, Abikoff H, Vitiello B, Wigal T, McCracken JT, Kollins SH, Murray DW, Wigal S, Kastelic E, McGough JJ, dosReis S, Bauzó-Rosario A, Stehli A, Posner K.). Im Kleinkindesalter muss die Behandlung als individueller Heilversuch durchgeführt werden, da eine Zulassung von Methylphenidat in Deutschland für Vorschulkinder noch nicht vorliegt. In den USA hat die Amercian Academy of Pediatrics 2012 diesen Missstand aufgegriffen und hat Leitlinien für den Einsatz bei Problemfällen ab 4 Jahren verfasst, die auf den wissenschaftlichen Ergebnissen beruhen.

ADHS ist eine angeborene, in seltenen Fällen auch durch Verletzungen erworbene Störung, die lebenslang besteht. Ist sie besonders stark (d.h. mit viel Impulsivität und Stimmungsschwankungen) ausgeprägt oder wurde sie im Kindes- und Jugendalter nicht angemessen behandelt, dann macht sie auch im Erwachsenenalter Leidensdruck und Beeinträchtigung. Eine Behandlung ist dann notwendig und möglich, leider ist das Wissen darum noch nicht so verbreitet. Ansprechpartner für Erwachsene sind Neurologen, Nervenärzte und PsychiaterInnen. In vielen Ambulanzen von psychiatrischen Unikliniken gibt es mittlerweile kompetente Teams. Selbsthilfe und Adressen finden Sie bei www.ADHS-Deutschland.de. Seit 2012 sind Methylphenidat und andere Medikamente auch in Deutschland zur Behandlung für Erwachsene zugelassen.